„Dauerempfehlung“ für Leser zu „Deutsche Legenden“, herausgegeben von Cora Stephan und „Medienmärchen“ von Burkhard Müller-Ullrich, rezensiert von Matthias Huth:
„(…) Eigentlich mag ich keine Vorwörter. Das ist bei „Deutsche Legenden“ nicht der Fall, denn hier ersetzt das gesetzte Geleit ein flammendes und wortgewaltiges Plädoyer. Wer mit dem Werk der Kolumnistin Cora Stephan vertraut ist, weiß, dass die Kontrafunk-Kommentatorin, und Stimme bei „Tichy’s Einblick“, „Achse des Guten“ sowie der „Weltwoche“ Tiefgründigeres zu sagen hat, als es im tagespolitischen Journalismus im Allgemeinen Usus ist.
Nachdem sie 2021 mit „Lob des Normalen“ sehr erfolgreich eine Art konservativen Leitfaden geschrieben hat, versammelt sie in „Deutsche Legenden - Wer schreibt unsere Geschichte“ sieben „aufrechte Streiter“, um mit gängigen Mythen aufzuräumen.
Stephan fungiert nicht nur als Herausgeberin, sie steuert neben Vor- und Nachwort auch zwei Exkurse zu der „Schuld“ der Deutschen am ersten Weltkrieg und dem preußischen Militarismus bei. Und wenn sie recherchiert, dann macht sie das gründlich, das eint sie mit allen der versammelten Autoren. Und so wird, flüssig lesbar, und manchmal mit geschliffener satirischer Klinge, im besten Sinne aufgeklärt.
Wobei wir wieder bei dem Vorwort wären, welches das Credo dieses Sammelbandes verdeutlicht: die Legende, dass die Deutschen sich kriegslüsterner, aggressiver oder taktisch dümmer verhalten, als andere Nationen wird als das entlarvt, was sie ist: eine Legende. Aber durch diese, bewusst installierten Narrative im Mainstream-Strudel der Historiker wird ein nationales Selbstbewusstsein beschädigt. Im Sinne von Brechts Kinderhymne „Und nicht über und nicht unter Andern Völkern wolln wir sein“ sorgt Cora Stephans „Legenden“-Buch für eine längst überfällige Neu-Gewichtung unserer Nation: sachlich fundiert, ohne Pathos und mit bestechender Klarsicht.
Und damit zu den Mitstreitern. Peter J. Brenner eröffnet den Reigen der elf Kapitel nach dem Vorwort furios mit den „Benin-Brozen“ und der Absurdität grüner Rückgabefantasien. Michael Klonovsky und Mathias Brodkorb nehmen die Geschichten über den Hereroaufstand und das allenthalben in diesen Breiten verkündete postkoloniale Narrativ gründlich auseinander, und fördern dabei erstaunliche Fakten ans Licht. Rainer F. Schmidt und Arthur Ponsonby klären über die Propagandalügen der Weltkriege auf, Volker Seitz nimmt ebenso angriffslustig wie fachmännisch die deutsche Entwicklungshilfe ins Visier und Alfred Schlicht klärt im letzten Kapitel die gegenwärtige Frage, wer hier eigentlich die Gesellschaft „spaltet“.
Besonders hat mir Schmidts Aufsatz zur Finanzierung der NSDAP gefallen. Als DDR-Kind war mir ja, wie Vielen der im Osten Deutschlands Aufgewachsenen die bekannte John-Heartfield-Fotomontage in Erinnerung, welche impliziert, dass Hitler mit Hilfe des deutschen Großkapitals an die Macht kam. Spoiler: das war mitnichten so. Und dann gibt es am Ende des Kapitels noch eine herrliche und bissige Volte, aber lesen sie selbst.
Die Lektüre des Buches ist sowohl spannende Geschichtsstunde, als auch gute Argumentationshilfe, bei der Diskussion mit Linken, wenn diese denn noch argumentieren wollen. Und die Erkenntnis, dass die Welt nicht so eindimensional ist, wie oft verbreitet, ist zwar eine Binse, aber das ist selten so gut, wie in dem „Legendenbuch“ bewiesen worden.
Fazit: Cora Stephan hat wieder mal einen „Knaller“ herausgebracht, der zu Recht bei Buchverkauf der Exil-Reihe an oberster Stelle steht, und deswegen auch schon sehr schnell die zweite Auflage erlebt. Und das Buch beweist, dass Cora Stephan zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwart gehört. (Dass die Frau fast „prophetische“ Gaben hat, kann ich in ihrem Buch „Im Drüben fischen“ konstatieren, aber dazu folgt im nächsten Jahr noch eine gesonderte Rezension).
Warum nun aber die Empfehlung im Doppelpack? Weil die „Medienmärchen“ von Burkhard Müller-Ullrich ein eigenständiger, aber exakt passender Ergänzungsband zu dem „Legenden“-Buch sind.
Müller-Ullrich ist mittlerweile eine journalistische Instanz. Nicht nur, weil der den „Kontrafunk“ aus der Taufe hob und ebenso umsichtig wie freundlich leitet, sondern auch, weil ein Sonntag ohne seine „Sonntagsrunde“ für mich an Qualität verlieren würde. Seine „Medienmärchen“ ist eine Wiedervorlage und pointierte Abrechnung mit „Gesinnungstätern im Journalismus“ (so der Untertitel).
Das Buch ist schon einmal 1996 erschienen, und nun aktualisiert worden. Uwe Tellkamp hat das kurze und wortgewaltige Vorwort geschrieben (warum habe ich auf einmal kein Problem mehr mit Vorwörtern?), besonders mag ich seine Wortschöpfung „Tausendundeinenachtabteilung“.
Müller-Ullrich versteht es, nicht nur flüssig und anschaulich zu formulieren, er räumt, und das verbindet die empfohlenen Bücher, ebenso klar mit Legenden, welche die Presse teilweise immer noch verbreitet, auf.
Waldsterben, Tschernobyl, der Shell-Esso-Ölfall, der Brand in Lübeck, Tierexperimente, der Sturz des alten sozialistischen Rumänien-Regimes und Sarajewo lieferten Schlagzeilen, welche die west- , und später gesamtdeutsche Presselandschaft nachhaltig prägten. „Alles Lüge“, würde Rio Reise, so er noch lebte, dies sicher singend kommentieren, und es ist erstaunlich, wie benannte Narrative sich immer noch halten.
Der Autor hat zudem noch Humor, ein seltenes Gut im Gegenwärtigen. Das heißt nicht, dass er die Ungeheuerlichkeiten, wie beispielsweise das miese politische Vorgehen von „Greepeace“ in Bezug auf die Ölplattform Brent Spar nicht geißeln würde, aber er tut das mit feinem Florett, und überlässt dem Leser die Wertung. Und das macht die „Medienmärchen“ so aktuell und lesenswert: weil die perfiden medialen Mechanismen, wie in den beiden letzten Kapiteln thematisiert, gleich geblieben bzw. verfeinert worden sind.
Persönliche Anmerkung: Ich habe die beiden Bücher hintereinander „verschlungen“. Zeitweise verspürte ich nach der Lektüre eine gewisse Wut in mit aufkommen, wie wir (in meinem Falle der Ostdeutsche) durch die Zeitungen und Fernsehnachrichten belogen wurden. Sicher, keine neue Erkenntnis, aber durch die konzentrierte Lektüre in diesem Ausmaß besser fasslich.
Deswegen halte ich die „Legenden“ und „Medienmärchen“ in heutiger Zeit so wichtig: man kann den Blick schärfen, und ÖRR-Lügen erkennen, auch wenn sie nicht so plump wie bei „Die 100“ daherkommen.
Und weil morgen Heiligabend ist: Danke, dass es so kluge Widerständige wie Cora und BMU gibt. Das ist auch ein Licht in dieser Zeit …“